Zwiespalt ist ein wunderschönes Wort. Ich erinnere mich an eine Lehrprobe während meines Studiums, bei der ich „innere Konflikte“ als Thema vorbereitet hatte. Ich erklärte, in solch einem Fall „spalte ich mich zwie!“ Die Reaktion der Schüler ließ mich erahnen, dass ich mit meiner Freude über diese gelungene und pointierte Formulierung ein Einzelgänger war.

Durch diese Erfahrung verharrte ich einige Zeit bei der Frage, ob der Beruf des Lehrers eine artgerechte Haltung für mich wäre. Das Erleben eines Zwiespalts ist unangenehm. Denn man weiß nicht recht, was klüger oder besser sei, und verbleibt im Spalt mit einer großen Portion schlechter Laune.

 

Ein Mathematiker überlegte, ob er an eine andere Universität wechseln solle. Mit diesem Dilemma belästigte er pausenlos seine Freunde. Als eines Abends einer zu ihm sagte: „Du bist doch Experte für Entscheidungstheorie. Stell eine Liste aller Vor- und Nachteile zusammen, bewerte sie und rechne den zu erwartenden Nutzen aus!“ Ohne zu überlegen schoss es aus ihm heraus: „Ich bitte dich, das ist eine ernste Angelegenheit!“ Barry Charles Mazur blieb meines Wissens in Harvard…

 

Der Sozialpsychologe Timothy Wilson (University of Virginia) forschte über den Einfluss des Unbewussten auf Entscheidungen. In einem Experiment mit Studenten ließ er Erdbeermarmeladen verkosten und den Geschmack in einem Ranking von „super“ bis „oje“ bewerten. Das Ergebnis war den Bewertungen von erfahrenen Degustatoren nahezu identisch. Eine zweite Gruppe von Studenten bekam die gleichen Marmeladen zur Beurteilung, hatte jedoch zusätzlich die Aufgabe, die Entscheidungen in einem Bewertungsbogen detailliert zu begründen.

Und? Die Rangliste dieser Studenten war komplett verdreht, manche der besten Sorten bekamen teilweise die schlechtesten Noten.

 

Hilft das irgendwie weiter? Ist rationales Denken schlechter als das „Bauchgefühl“? Nachdenken kann die Intuition sabotieren. „Bauchgefühl“ müsste ja eigentlich „Hirngefühl“ heißen und folgt einem an Kriterien orientierten Bewertungsprozess. Das Gefühl – das aber nicht rational erklärbar ist – kann genauso falsch liegen wie die rationale Analyse falsch sein kann.

Daher sollte in manchen Situationen der erste Zwiespalt sein: Denken oder Fühlen? Falls man sich schon bei der Beantwortung dieser Frage nicht sicher ist bleibt: Münze werfen!