Spätestens seit Sigmund Freud sind wir begeistert davon, uns selbst in einzelne ICH‘s zu zerteilen. Lassen wir das Über-Ich und das Es einmal beiseite und zerteilen wir uns in ein „erlebendes Ich“ und ein „erinnerndes Ich“, einverstanden?

Das „erlebende Ich“ ist gerade damit beschäftigt, diesen Text zu lesen und sich etwas dabei zu denken, oder auch nicht – und etwas zu spüren. Ob der Rücken verspannt ist, die Schuhe drücken, oder ob man gestern doch nicht das dritte Glas Wein hätte trinken sollen. Das „erlebende Ich“ ist die Gegenwart. Wie lange dauert die Gegenwart? Gehen wir davon aus, dass wir sie etwa alle drei Sekunden neu als solche bezeichnen. Wie viel Gegenwart hat der Tag? Nachdem wir auch schlafen und das „erlebende Ich“ dabei Pause hat, bleiben etwa 20.000 Gegenwarten pro Tag. Ziemlich viel!

Da wir uns an die wenigsten Gegenwarten eines Tages erinnern – als wir den Sessel zurück geschoben haben, die Maus um drei Zentimeter nach links bewegt, oder kurz aus dem Fenster geblickt haben – bedeutet das, dass wir das Meiste einfach wegwerfen, stimmt’s? Oder kann sich jemand erinnern, was vor 17 Stunden, acht Minuten und 33 Sekunden gerade war?

Aber nicht alles wird vergessen! Das „erinnernde Ich“ sammelt all jene Gegenwarten, die das „erlebende Ich“ nicht entsorgt hat. „Hallo, wie geht’s?“ Diese Frage beantworten wir entweder aus dem „erlebenden“ oder „erinnernden Ich“. Halten wir dabei Rückschau auf die Osterwoche, die Arbeit in den letzten Tagen oder den Film, den man zuletzt gesehen hat, so antworten wir aus dem „erinnernden Ich“. Ist die Antwort „mir ist gerade kalt. bin unterwegs zu einem Termin und muss schnell weiter“ so übernimmt das „erlebende Ich“ die Auskunft.

Wie zufrieden bin ich in meinem Leben? Beide Ichs antworten selten das Gleiche. Experimente mit Studenten ergaben Folgendes. Während eines Urlaubs bewerteten sie mehrmals täglich ihre momentane Befindlichkeit. Nach dem Urlaub wurden sie dann bezüglich ihres Gesamteindrucks befragt.

Und das Ergebnis? Das „erlebende Ich“ war weniger glücklich als das „erinnernde Ich“. Die rosarote Brille ist ein wesentliches Outfit in unserem Leben, Schönfärberei an der Tagesordnung.

Schlussfolgerung? Wir neigen dazu, kurze und intensive Freuden zu stark zu bewerten und andauernde, unaufgeregte Freuden zu schwach. Manche meinen: „Nur in extremen Hochs und extremen Tiefs spürt man sich. Und ein ruhiges, unspektakuläres Leben ist ein gescheitertes Leben.“ Diese Aussage ignoriert den Tatbestand, den die Realität zeigt. Im Rekordtempo quer durch Amerika zu radeln, mag rückwirkend ein tolles Erlebnis sein. In den hunderttausenden Momenten der Umsetzung handelt es sich jedoch um reine Qual…

Im Nachhinein ist man immer glücklicher!

Das stimmt jedoch nicht für alle! Manche Menschen ticken invers oder pervers! Egal wie gut das „erlebende Ich“ drauf ist, es ist alles sehr, sehr übel…

Mein Tipp: Lebe intensiv im Jetzt und kreiere die Sammlung deiner zukünftigen Erinnerungen!