Wir Menschen haben fünf Sinne und außerdem den Sinn für Unsinn.

 

Vor Jahren war ich im Casino Baden. An einem Tisch war bereits neunmal die Farbe Rot gekommen. Die Menschentraube setzte fast ausnahmslos immer höhere Beträge auf Schwarz und verfolgte gespannt den Lauf der Kugel. Und es kam Rot. Dann kam Rot. Danach kam Rot… und ich war mit dabei!

 

Gegen Ende des ersten Studienabschnitts galt es ein Diplomarbeitsthema und einen Betreuer zu finden. Ich wählte ein philosophisches Thema (wenn ich mich recht erinnere war es zum „Machtbegriff bei Romano Guardini“). Ich kaufte mir Bücher, forschte in Bibliotheken und erzählte über meine dürftigen Erkenntnisse in Diplomanden-Seminaren. Ich kam jedoch nicht so richtig in die Gänge, fühlte mich nicht ausreichend unterstützt und wurde mit dem Thema nicht wirklich warm. So verging ein Jahr, ein zweites, ein drittes, ein viertes…

 

Eine Freundin hatte eine „herausfordernde“ Beziehung, ihr Partner war kaum verlässlich, also bekam sie ein Kind. Er war jedoch nur mit seinen Dingen beschäftigt (Fliegen, Segeln, Radfahren), also heiratete sie ihn. Es wurde nicht besser, also bekam sie ein zweites Kind. Er betrog sie, also bemühte sie sich noch mehr darum, zu einer „glücklichen“ Familie zu werden…

 

Warum bleiben Menschen hartnäckig an Ideen dran, wenn es doch nicht gelingt, diese zu verwirklichen? Eine Erklärung: „Ich hab schon so viel investiert (Geld, Zeit, Liebe und Umerziehungsarbeit…), da wäre es doch sinnlos, aufzugeben“ oder „wie schaut das denn aus, wenn ich jetzt aufgebe“ und „dann müsste ich mir eingestehen, dass ich gescheitert bin“.

 

Hinter diesen Verhaltensmustern steckt neben Verleugnung die Angst vor Gesichtsverlust. Man möchte sich nicht eingestehen, dass man viel Zeit, Mühe oder Geld in etwas investiert hat und das Ziel nicht erreicht hat und man außerdem Lebenszeit sinnlos vergeudet hat. Daher ist „Schönreden“ angesagt und man macht weiter. Man möchte ja zumindest etwas „besser scheitern“. Nur die Freunde sehen das anders und schütteln den Kopf.

 

Rolf Dobelli bringt es auf den Punkt: „Es gibt viele Gründe, weiter zu investieren, um etwas zum Abschluss zu bringen. Aber es gibt einen schlechten Grund: das bereits Investierte zu berücksichtigen.“ Das Kriterium, das Sinn macht ist, der klare und nüchterne Blick und die ungeschönte Einschätzung der Zukunft.

 

Beim Roulette geht es rein um Glück und nicht um kausale, steuerbare und berechenbare Zusammenhänge! Ich gestand mir beim 13. mal Rot ein, dass ich ein … bin, und nach einiger Zeit konnte ich mich wieder gernhaben. Irgendwann kam der Punkt, dass ich mein Diplomarbeitsthema verwarf und ein anderes Thema und einen neuen Betreuer wählte. Dann war die Arbeit in drei Monaten geschrieben. Und die Freundin ist inzwischen glücklich geschieden…

 

Man ist also dann ein Depp, wenn man die Wahrscheinlichkeit, sein Ziel in absehbarer Zeit zu erreichen, beinhart ignoriert!